Rezensionen: Wissenschaftliche Paper

Native speaker oder near native in zwei- und mehrsprachigen Kitas

Eltern und pädagogische Fachkräfte in bilingualen / zweisprachigen oder mehrsprachigen Kitas und Schulen fragen häufig, ob die fremdsprachige Betreuungsperson Muttersprachler (native speaker) sein muss. Oder können auch pädagogische Fachkräfte wie Erzieher*innen oder Lehrkräfte in bilingualen  und mehrsprachigen Kitas und Schulen arbeiten, die die Zweitsprache - aus welchem Grund auch immer- sehr gut beherrschen, ohne Muttersprachler zu sein? Solche Personen nennt man auch "near native speaker". Mit dieser Frage haben sich Prof. Dr. Kristin Kersten, Sprachwissenschaftlerin an der Uni Hildesheim,und Prof. Dr. Andreas Rohde, Sprachwissensschaflter an der Uni Köln, auseinandergesetzt. Ihr Fazit lautet:

"Es spricht nichts dagegen, wenn jemand, der verlässlich als "near-native" bezeichnet werden kann, also die Zweitsprache (L2) auf muttersprachlichem Niveau beherrscht, als KiTa-Kraft arbeitet."

Pädagogische Fachkräfte in bilingualen (zweisprachigen) Kitas: „Native speaker“ oder „near native speaker“? Dazu äußern sich Prof. Dr. Kristin Kersten und Prof. Dr. Andreas Rohde

Welche Faktoren sind wichtig beim Spracherwerb bei Kindern

Kersten Kristin

Eltern, Kitas und Schulen machen sich oft Gedanken, wie sie die sprachliche Entwicklung ihres Kindes/ihrer Kinder positiv beeinflussen können. Dies ist insbesondere der Fall, wenn Kinder mehrsprachig sind, also mit mehreren Sprachen aufwachsen, oder bilinguale/zweisprachige Kitas oder Schulen besuchen.

Lesen Sie einen Vortrag mit Abbildungen von Prof. Dr. Kristin Kersten, Sprachwissenschaftlerin an der Uni Hildesheim: zum Thema, welche Faktoren beim Spracherwerb eines Kindes eine wichtige Rolle spielen.

"Wenn wir uns ansehen wollen, wie ein Kind sich entwickelt, und der Erwerb von Sprache gehört dazu, dann müssen auch berücksichtigen, unter welchen Bedingungen diese Entwicklung stattfindet. Denn Kinder lernen nicht in einem luftleeren Raum, sondern in der Interaktion mit Personen und mit ihrer Umwelt. Dazu gehören zum Beispiel die Familie und das soziale Umfeld mit ihren Ressourcen. Dazu gehören auch die Kita und das schulische Umfeld, und natürlich andere Institutionen wie Vereine, in denen ein Kind Zeit verbringt…“

Eine zentrale Rolle spielen dabei die ErzieherInnen und Lehrkräfte, aber es gibt eine Vielfalt an weiteren Einflussfaktoren (lange Ladezeit, 4,5 MB)

Prof. Dr. Krstin Kersten hat diesen Vortrag beim Fachtag des fmks auf der didacta in Hannover gehalten.„

Professor Dr. Jim Cummins, University Toronto, Canada

Jim Cummins

Prof. Dr. Jim Cummins, em. Prof. der Universität Toronto, Canada, ist ein Pionier der Spracherwerbsforschung.

Seine Forschung konzentriert sich auf die Entwicklung der Lese- und Schreibkompetenz in Bildungskontexten, die durch sprachliche Vielfalt charakterisiert sind. Er hat zahlreiche Artikel und Bücher zum Wesen der Sprachkompetenz und deren Bezug zur Entwicklung der Lese- und Schreibfertigkeit verfasst. Besondere Betonung legt er dabei auf die Schnittmenge zwischen gesellschaftlichen Machtverhältnissen, dem Aushandeln der Lehrer-Schüler-Identität und dem Erreichen der Lese- und Schreibkompetenz, immer im Bezug auf mehrere Sprachen. Spannend für Alle, die sich für den Lernerfolg im bilingualen / mehrsprachigen Alltag in Kita und Schule interessieren.

Lesen Sie die Übersetzung des Plenarvortrags von Prof. em. Dr. Jim Cummins „Mehrsprachigkeit, Identität und Schulleistung: Unterscheidung zwischen Beweis und Ideologie“ (mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Prof. Dr. Jim Cummins: „Mehrsprachigkeit, Identität und Schulleistung: Wissenschaft und Ideologie trennen”

der Konferenz „Die Zukunft der Mehrsprachigkeit im deutschen Bildungssystem: Russisch und Türkisch im Fokus“, veranstaltet von: Berliner Interdisziplinärer Verbund für Mehrsprachigkeit (BIVEM ) am Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS), Berlin, Botschaft der Republik Türkei, Yunus Emre Enstitüsü, Türkisches Kulturzentrum Berlin.

 

In einem weiteren Vortrag setzt sich Prof. Dr. Jim Cummins auf der Konferenz mit Schulleistungen von Schüler*innen mit Migrationshintergrund auseinander. Welche Maßnahmen im Schulunterricht sind geeignet, um mögliche Bildungsnachteile zu kompensieren? Cummins sieht für die soziale Situation benachteiligter Familien drei mögliche Ursachen:

  • Ein „Umschalten“ zwischen der Familiensprache zu Hause auf die Schulsprache mit akademischen Inhalten (könnte man mit Bildungssprache übersetzen);
  • Ein niedriger sozio-ökonomischer Status und
  • ein Status als Randgruppe aufgrund sozialer Diskriminierung und/oder Rassismus in der breiteren Gesellschaft.

Ein oder mehrere dieser Faktoren manifestieren sich aber erst dann als Bildungsnachteil, wenn die Schule nicht angemessen reagiert oder sogar den negativen Einfluss weiterer sozialer Faktoren verstärkt. Als Beispiel führt Cummins die Behandlung der Roma in Teilen Europas an (Diskriminierung der Roma, Abstemplung als intellektuell minderbemittelt, Beschulung in Sonderklassen).

Die Erkenntnisse von Cummins sind auch für Deutschland relevant und zwar in Hinblick auf den schulischen Erfolg von Kindern mit Migrationshintergrund beziehungsweise mit anderen Erst- oder Familiensprachen als die Umgebungssprache Deutsch. Er nimmt gleichzeitig die Ergebnisse der PISA-Studie unter die Lupe: Warum schneiden andere Länder besser ab als Deutschland?

Prof. Dr. Jim Cummins: “Leistungsschwäche bei Schülern mit Migrationshintergrund umkehren: Was sagt die Forschung?“

 

Bilinguale Kitas und Grundschulen

Bilinguale Kitas in Deutschland, fmks, 2014, Kurzfassung pdf; Langfassung pdf

In Deutschland gab es 1035 bilinguale (zweisprachige) Kindertageseinrichtungen (Kitas) (Stichtag 31.01.2014). Dies ist gegenüber 2004 eine Verdreifachung (2004: 340 bilinguale Kitas). Der Anteil bilingualer Kitas an allen Kitas stieg von 0,7% (2004) auf 2% (2014).

Der fmks hält diese Entwicklung für erfreulich, aber noch unzureichend. Die Nachfrage nach mehrsprachiger Betreuung übersteigt das Angebot und die Bedeutung der Mehrsprachigkeit wird zu häufig unterschätzt. Das EU-Ziel, dass jedes Kind mindestens drei Sprachen auf hohem Niveau lernen soll, wird in Deutschland nur selten erfüllt. Mit durchgehender zwei- und mehrsprachiger Betreuung von Kita bis weiterführender Schule könnte dies verbessert werden. Der fmks fordert,

  1. den Anteil zwei- und mehrsprachiger Kitas kontinuierlich zu steigern und dies mit Konzepten und Programmen in allen Bundesländern zu fördern und zu verankern.
  2. Die zwei- und mehrsprachigen Kita-Angebote in Grundschulen nahtlos weiterzuführen bis zum Schulabschluss. Mit solchen Verbundmodellen lässt sich der begonnene Fremdsprachenerwerb effektiv weiterführen.
  3. Erleichterungen bei der Anerkennung beruflicher Qualifikationen fremdsprachlichen Personals.

Bilinguale Grundschulen in Deutschland, Kurzfassung pdf

Die Zahl bilingualer Grundschulen hat sich seit 2003 verdreifacht. 2014 hat der fmks 287 bilinguale Grundschulen verzeichnet, 2003 dagegen nur 80 in lediglich sechs Bundesländern.

6 Potential Brain Benefits Of Bilingual Education

Eine mehrsprachige Erziehung hat viele Vorteile

Der fmks wird von Eltern, Erzieher*innen und Lehrkräften oft gefragt, was denn die Vorteile von zweisprachiger (bilingualer) Erziehung sind. Hier ein Übersichtsartikel zu Bilingualität in englischer Sprache von Anya Kamenet, Korrespondentin des NPR (National Public Radio, einer Art Netzwerk von Radiosendern in den USA).

Anya Kamenet, npr national public radio Washington, D.C., Ed How Learning Happens: "6 Potential Brain Benefits Of Bilingual Education" , sinngemäß übersetzt: "Sechs potentielle Vorteile für das Gehirn durch bilinguale Erziehung"

Bild: Chelsea Beck/NPR

Eva Hammes-di Bernardo

Zur Sprache bringen: Mehrsprachigkeit hat viele Vorteile

"Viele Kinder in Deutschland wachsen mehrsprachig auf. Darin stecken große Chancen, die noch viel zu wenig genutzt werden. Zeit, dass sich das ändert"

aus: Meine Kita – Das didacta Magazin für den Elementarbereich, 4/2013, S. 16-18

Die Autoren ist Referentin für Pädagogik der Kindheit im saarländischen Bildungsministerium. Sie hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Saarland das Bundesland ist, das mit Abstand über die meisten bilingualen (zweisprachigen) Kitas verfügt, bezogen auf die Bevölkerung. Die meisten saarländischen bilingualen Einrichtungen sind deutsch-französisch.

 


Bilinguale Kitas in Frankfurt

Marina Demaria

Joachim Breul und Marina Demaria: Was macht die Besonderheiten des mehrsprachigen Alltags in bilingualen Kitas aus? Was erwarten Eltern, welche Qualifikation hat das pädagogische Personal, welcher Qualifizierungsbedarf besteht? Die bilingualen Kitas verwenden als Umgangssprachen Deutsch und eine dieser Sprachen: Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch.

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Gibt es ein "Sprachfenster" im frühen Fremdsprachenerwerb?

Prof. Dr. Thorsten Piske, Universität Erlangen

Interview mit Prof. Dr. Torsten Piske zum Alter beim Spracherwerb Universität Erlangen-Nürnberg

 

Thorsten Piske lehrt an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er begleitet  und berät auch mehrsprachige / bilinguale Kindergärten und Schulen. Der fmks hat ihn gefragt, ob kleine Kinder schon mehrere Sprachen lernen können und ob es dabei eine bestimmte Phase gibt – ein Zeitfenster- , das sich irgendwann schließt. Außerdem fanden wir interessant, welche Gegebenheiten für den Spracherwerb gut geeignet sind.

Solche Frage stellen sich mitunter Eltern, die ihre Kinder mehrsprachig erziehen. Oder diejenigen, die bereuen, mit ihren Kindern nicht von klein an eine zweite Sprache gesprochen zu haben. Auch in bilingualen Kindergärten spielt die Frage des Alters beim Sprachenlernen eine Rolle. Thorsten Piske äußerst sich auch zur Frage, ob es noch im Erwachsenenalter möglich ist, Sprachen auf muttersprachlichem Niveau zu erwerben.

 

Dr. Ilse Wehrmann (Kopie)

Dr. Ilse Wehrmann: "Bessere Qualität für Kitas" mit konkreten Vorschlägen für einen Masterplan"

Dr. Ilse Wehrmann, Sachverständige für Frühpädagogik aus Bremen, berät Kita-Träger bei der Einrichtung und dem Betrieb von Kitas. Ihre Prinzipien dabei sind: bilingual, integrativ und selber kochen.